Frankfurter Buchmesse: Georgien und Schaumherzen

Georgien ist Gastland der diesjährigen Buchmesse. Da schießt mir sogleich Wie der Fußball nach Georgien kam durch den Kopf, dabei habe ich den Film noch nie gesehen. Auch sonst ist Georgien für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Neugierig gehe ich zum Gastland-Pavillon.

Dominierendes Gestaltungselement sind die 33 geschwungenen Buchstaben des georgischen Alphabets. Auf einer Infotafel steht ein Zitat des georgischen Schriftstellers Aka Morchiladze: „Nichts in Georgien ist so georgisch wie das georgische Alphabet. Nichts passt so gut zu georgischen Worten und georgischen Stimmungen, wie es das georgische Alphabet tut, und nichts ist so georgisch wie das georgische Alphabet.“ Ich denke unwillkürlich: Und was ist mit den Menschen?

Mal kurz bei Wikipedia nachschauen: „Amtssprache ist das Georgische, das von etwa 4 Millionen Menschen gesprochen wird. Es gehört zur südkaukasischen Sprachfamilie und besitzt ein eigenes Alphabet, das seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. belegt, wahrscheinlich aber wesentlich älter ist. Darüber hinaus werden in Georgien 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen. Zu den wichtigsten gehören Aserbaidschanisch (ca. 300.000 Sprecher), Armenisch (ca. 250.000 Sprecher), Abchasisch (ca. 100.000 Sprecher), Ossetisch (ca. 100.000 Sprecher) und Russisch.“ Und schon bekommt das Zitat von Aka Morchiladze eine neue Dimension.

Wie klingt sie, die georgische Sprache? Im „Emotional Hub“, einer audiovisuellen Installation im Herzen des Gastland-Pavillons, ist sie „als atmosphärische Melodie“ erlebbar. Staunend lausche ich einem Klangteppich aus zeitgenössischer Musik und georgischer Volksmusik, während ich auf den vier großen Leinwänden ringsum Zeitlupenvideos mit Gesichtern georgischer Schriftsteller*innen betrachte, deren Mimik laut Infotafel „den emotionalen Zustand der Nation“ wiedergibt.

Schließlich wandere ich weiter zu einer Bücherwand und blättere einige der wenigen Werke durch, die in englischer oder deutscher Sprache verfügbar sind. Ich bewundere imposante Landschaftsaufnahmen und erfahre, dass der Weinbau in Georgien eine viele Jahrtausende alte Tradition hat. Meine Neugier ist geweckt, doch leider muss ich den georgischen Pavillon schon wieder verlassen, um einige Messetermine mit Lektor*innen wahrzunehmen. Kontaktpflege ist wichtig.

Mittags lockt strahlender Sonnenschein mich an die frische Luft. Ich esse eine Kleinigkeit und beobachte dabei die weißen Schaumherzen, die im 30-Sekunden-Takt von einer Maschine gepresst und dann Richtung Himmel freigelassen werden. Eines verfängt sich an einer Gebäudedecke, hoch über den Köpfen dreier geschäftiger Anzugträger, die parlierend Richtung Rolltreppe eilen, ohne es zu bemerken. Die meisten jedoch schweben ins Azurblau empor, um in Windeseile aus dem Blickfeld zu verschwinden … wie wohl die meisten Neuerscheinungen, die auf der Messe vorgestellt werden. Träume sind Schäume …

Aber träumen wir nicht alle ab und zu? Ich als freie Übersetzerin zum Beispiel habe ja weiterhin die Hoffnung, Bestseller ins Deutsche übertragen zu dürfen und dafür sogar eine angemessene Beteiligung zu bekommen, die mich vor Rentensinkflug und drohender Altersarmut rettet. Schließlich sind wir Übersetzer*innen diejenigen, die den Verlagen ermöglichen, fremdsprachige Literatur überhaupt zu veröffentlichen. Ohne uns wäre den Leser*innen Harry Potter, Ferrante und Knausgård auf Deutsch verborgen geblieben. Selbst die smartesten Computerprogramme schaffen es bisher nicht, uns zu übertreffen. Versonnen löffle ich meine überteuerte Suppe und schaue den Schaumherzen hinterher.

Später, beim Bummel durch die Messehallen, nutzen meine Übersetzerkollegin Stefanie Schäfer und ich am Stand von Random House die Gelegenheit, uns rasch mit zwei Büchern ablichten zu lassen, die wir gemeinsam ins Deutsche übertragen haben: Das ganze Leben auf einmal des Briten Keith Stuart und den Debütroman Summ, wenn du das Lied nicht kennst der gebürtigen Südafrikanerin Bianca Marais. Die Arbeit im Duo bietet sich geradezu an, wenn es in einem Roman verschiedene Erzählerstimmen gibt, etwa Vater und Tochter bei Das ganze Leben auf einmal). Und sie macht es leichter, die immer knapper bemessenen Liefertermine zu realisieren.

Kurz vor Schluss, als ich am Stand von edition fünf vorbeikomme, entdecke ich dort ganz unverhofft Bittere Bonbons – Georgische Geschichten, herausgegeben und mit einem Nachwort von Rachel Gratzfeld. Auf der Rückseite steht: „Dreizehn junge georgische Autorinnen nehmen uns mit auf eine Reise in ihr Land, das mehr und mehr ins europäische Bewusstsein rückt. Sie laden uns sein, seine Vielfalt, seine wechselvolle Geschichte und den rasanten Aufbruch der letzten Jahre zu entdecken.“ Die erste Geschichte stammt von Nino Haratischwili und trägt den Titel Diese Welt haben wir nicht erfunden. Wie wahr. Wir werden in sie hineingeboren und können dann schauen, wie wir klarkommen. Ich freue mich schon darauf, mehr über Georgien und seine Menschen zu erfahren.

P.S.: Im Internet gibt’s Wie der Fußball nach Georgien kam auf georgisch: პირველი მერცხალი. Volltreffer!